
#82Wie eine Stadt mit 40.000 Einwohnern vormacht, wie KI-Transformation geht.
Intro
In dieser Episode ist Thorsten Rode zu Gast — Leiter IT-Service bei der Stadt Nettetal. Thorsten zeigt, wie eine Kommune mit 43.000 Einwohner:innen KI pragmatisch und souverän in die Umsetzung bringt: vom Bürger-Chatbot „NetteKI“ (24/7, mehrsprachig) bis zum internen KI-Portal. Wir sprechen darüber, welche Grundlagen (Governance, Kompetenzaufbau, sichere Infrastruktur) nötig sind — und wo die größten Hürden liegen (Datensilos, geschlossene Fachverfahren).
Inhaltsübersicht
- Zukunftsbild: datengetriebene Verwaltung, Microservices & KI-gestützte Workflows
- Größte Blocker heute: Fachverfahren-Silos, fehlende Schnittstellen, Datenfluss
- Setup & Tech: Open Source / on-prem, Modelle, Frontend, RAG mit eigenen Dokumenten
- Wirkung intern & extern: Bürger-Chatbot vs. interner Assistenz-/Self-Service-Ansatz
- Enablement: KI-Kompass, Kompetenznachweis, Bronze/Silber/Gold-Programm, Champions
- Agentic Hub: Pilotprojekte zu Prozessaufnahme (BPMN) und Wohngeld-Workflow (Human-in-the-Loop)
Über den Gast
Thorsten Rode leitet den IT-Service der Stadt Nettetal und verantwortet gemeinsam mit dem Organisationsbereich den Bereich E‑Government/Digitalisierung. Nettetal zählt zu den frühesten kommunalen Anwendern generativer KI in Deutschland und ist als Pilotkommune im bundesweiten Agentic Hub mit zwei Projekten vertreten.
Detaillierte Zusammenfassung
Vom „ChatGPT-Moment“ zum kommunalen KI-Programm
Der Einstieg in Nettetal kam nicht über ein jahrelanges Strategieprojekt, sondern über einen sehr frühen Praxis-Use-Case: einen Bürger-Chatbot auf der Website. Die Erfahrung, dass generative KI sowohl Bürger:innen als auch die Verwaltung entlasten kann, war der Auslöser, KI systematisch auch intern zu verankern.
Zukunftsbild: datengetriebene Verwaltung statt Einzellösungen
Für Thorsten ist das Zielbild weniger „KI überall“, sondern eine Verwaltung, in der Daten sauber fließen und Services über Microservices und Workflows zusammenspielen. Erst dann wird es realistisch, dass Automatisierung und KI bei Standardfällen zuverlässig unterstützen — und dass die Verwaltung proaktiver und bürgerzentrierter arbeitet (z.B. über Sprache, Verständlichkeit und 24/7-Zugänglichkeit).
Der größte Blocker: Fachverfahren-Silos und geschlossene Schnittstellen
Ein wiederkehrendes Hindernis ist die Fragmentierung in vielen Fachverfahren (z.B. Meldewesen, Gebühren, Wohngeld, Ordnungswidrigkeiten). Diese Systeme sind häufig siloartig aufgebaut und lassen Daten nicht einfach über Schnittstellen fließen. Dadurch entstehen Medienbrüche zwischen Online-Antrag, Bearbeitung und Rückmeldung — und genau dort verlieren Prozesse Zeit.
Tech-Setup: souverän, pragmatisch, iterativ
Nettetal hat früh eine eigene, souveräne Infrastruktur aufgebaut (Open Source, on‑prem), um mit sensiblen Daten kontrolliert arbeiten zu können. Die Lösung wurde iterativ weiterentwickelt: vom ersten Setup mit lokaler Modell-Inferenz und Chat-Frontend bis zu einer skalierbareren Architektur und aktuellen Modellen. Ergänzt wird das durch RAG-Ansätze („Chat mit eigenen Dokumenten“), z.B. für Dienstanweisungen oder interne Wissensbasen.
Wirkung: extern (Bürger) und intern (Self-Service & Produktivität)
Extern hilft der Chatbot vor allem bei Orientierung und Zugang zu Dienstleistungen (inkl. Mehrsprachigkeit und einfacher Sprache). Intern zeigt sich der Nutzen besonders bei Such-/Wissensarbeit und Self-Service: Kolleg:innen finden Antworten in Minuten statt Stunden, und Support-Prozesse werden entlastet, weil Lösungen bereits vor dem Ticket vorgeschlagen werden können.
Enablement & Governance: Kompetenzpflicht statt Tool-Rollout
Ein Kernpunkt ist die Befähigung: Ein kurzer KI-Kompass als Governance-Leitfaden, kombiniert mit einem Kompetenznachweis (u.a. im Sinne des EU AI Act) als Zugangsvoraussetzung. Darauf aufbauend entsteht ein strukturiertes Upskilling-System (Bronze/Silber/Gold) sowie niedrigschwellige Formate, um Champions zu identifizieren und Use Cases bottom-up zu sammeln.
Agentic Hub: zwei Pilotprojekte mit klarem Praxisfokus
Im Agentic Hub arbeitet Nettetal an zwei konkreten Themen: (1) Prozessaufnahme/Prozessmanagement, bei dem Prozesse deutlich schneller in BPMN-Strukturen überführt werden können, und (2) Wohngeld, wo agentische KI dazu beitragen soll, Anträge vollständiger zu machen, Nachforderungen zu reduzieren und Dokumente effizient vorzubereiten — mit Human-in-the-Loop, wo es nötig ist.
Kernaussagen
- KI in der Verwaltung ist vor allem ein Organisations- und Governance-Thema (Kompass/Leitplanken + Kompetenzaufbau) — Tools kommen danach.
- Der größte Blocker sind Datensilos und geschlossene Fachverfahren: Ohne offene Schnittstellen und sauberen Datenfluss bleibt KI Stückwerk.
- „Souverän“ geht auch pragmatisch: Open Source + on‑prem Infrastruktur kann ein valider Weg sein, um sensible Daten zu schützen und schnell zu iterieren.
- Wirkungsvolle Use Cases entstehen bottom-up aus dem Arbeitsalltag (repetitive Tätigkeiten, Self‑Service, Suche in Dokumenten) — nicht am Reißbrett.
- In Hochrisiko-Kontexten gilt: KI kann vorbereiten und prüfen, aber Entscheidungen brauchen Human-in-the-Loop.
Fazit und Takeaways
Nettetal zeigt, dass KI-Transformation nicht von der Größe einer Organisation abhängt, sondern von Klarheit und Umsetzungskraft: Governance als Enablement, ein sicherer technischer Rahmen und ein systematischer Kompetenzaufbau bringen KI aus der „Pilot-Ecke“ in den Alltag. Wer starten will, sollte nicht mit dem perfekten Zielbild beginnen, sondern mit konkreten Schmerzpunkten — und gleichzeitig die Voraussetzungen für Datenfluss und Schnittstellen konsequent mitdenken.
Zum Gast: Thorsten Rode



