
#76KI als strategische Fähigkeit im Bau: Wie GOLDBECK Adoption und Use Cases orchestriert
Intro
Dr. Florian Gauer, Head of Artificial Intelligence bei GOLDBECK, gibt tiefe Einblicke in die KI-Reise eines der führenden europäischen Bauunternehmen mit 13.000 Mitarbeitenden und 6,3 Mrd. EUR Gesamtleistung. Statt einer starren KI-Strategie hat GOLDBECK bewusst eine „KI-Ambition" formuliert – ein flexibles Leitbild, das Raum lässt für die rasante Technologieentwicklung. Florian erklärt, warum Adoption und Use Cases zwei Seiten einer Medaille sind, wie das KI-Botschafter-Programm echte Prototypen hervorbringt und warum pragmatisches Machen wichtiger ist als die perfekte Datenbasis.
Inhaltsübersicht
- GOLDBECK als Systembauer mit Pioniergeist
- KI-Ambition statt Roadmap: Warum ein flexibles Leitbild besser passt
- Drei Säulen: Strategische Linien, Use-Case-Portfolio und Enablement
- Organisatorische Aufhängung des KI-Teams in der GOLDBECK Technologies
- Change Management konkret: Was hinter „Adoption" wirklich steckt
- KI-Kickoff mit 600 Teilnehmenden, Community-Calls und strukturierte Lernpfade
- KI-Basistraining und das KI-Botschafter-Programm mit echten Prototypen
- Momentum halten: Warum nachweislicher Nutzen der beste Adoptionstreiber ist
- Kennzahlen: Breitensport-Nutzungszahlen vs. Spitzensport-KPIs
- Tooling-Strategie: Fokus statt Feature-Hype
- Use-Case-Pipeline: Von der Idee über Priorisierung bis zum Rollout
- Datenqualität: Pragmatisch starten statt auf Perfektion warten
- Konkrete Use Cases: Vertrieb, Wissensmanagement und Wareneingangskontrolle
- Zukunftsblick: KI in Planung, BIM und Robotik auf der Baustelle
- Rückblick und Learnings: Was GOLDBECK wieder genau so machen würde
- Rat für den Start: Einfach mal machen
Detaillierte Zusammenfassung
GOLDBECK: Systembau mit Pioniergeist
GOLDBECK ist eines der führenden europäischen Bauunternehmen mit einem Systembauansatz, der Gebäude als Produkte versteht. Mit 16 Werken in Europa, über 13.000 Mitarbeitenden und einer Gesamtleistung von 6,3 Mrd. EUR bietet das Familienunternehmen alle Leistungen entlang des Lebenszyklus aus einer Hand – vom Design über den Bau bis zur Serviceleistung. Die Unternehmenskultur ist geprägt von den Werten Menschlichkeit, Vertrauen, Verantwortung, Leistung und Pioniergeist.
KI-Ambition statt starrer Strategie
GOLDBECK hat bewusst keine klassische KI-Strategie oder Roadmap formuliert, sondern eine KI-Ambition – ein flexibles strategisches Leitbild. Das Ziel: KI als strategische Fähigkeit etablieren, um das bestehende Geschäftsmodell und die Unternehmensmission zu stärken. Die Ambition unterscheidet zwischen Breitensport (schnelle Effizienz- und Qualitätshebel für alle Mitarbeitenden) und Spitzensport (bereichsspezifische, fachlich komplexe Anwendungen). Im Zentrum steht ein humanzentrierter Ansatz: Der Mensch bleibt die Prüfinstanz, wird aber befähigt, KI wirkungsvoll einzusetzen.
Adoption und Use Cases sind zwei Seiten einer Medaille – ohne Adoption kommen wir nicht zu den Use Cases, und ohne Use Cases geht auch die Begeisterung wieder weg.
Drei Säulen der KI-Organisation
Die KI-Abteilung ist in der GOLDBECK Technologies verankert – der internen Einheit mit rund 500 Mitarbeitenden für IT, Digitalisierung, BIM und Produktentwicklung – und berichtet direkt an die Geschäftsführung. Die Arbeit ruht auf drei Säulen:
- Strategische Linien: Stärkung des Geschäftsmodells, Mission-Alignment
- Use-Case-Portfolio: Bewertung, wo KI aktuell im Einsatz ist und wo Potenzial liegt
- Enablement & KI-Unternehmensentwicklung: Change Management, Befähigung, Innovationsscouting, Datengrundlagen und verantwortungsvoller KI-Einsatz
Das Team ist bewusst divers aufgestellt – mit Kompetenzen in Schulung, Change Management, technischer Expertise und Domänenwissen.
Adoption: Formate, die wirklich wirken
GOLDBECK hat ein mehrstufiges Adoption-Programm aufgebaut:
- KI-Kickoff: Veranstaltung mit 600 Teilnehmenden zum Start, um das Thema greifbar zu machen
- KI-Community: Regelmäßige Sessions alle 6–8 Wochen mit dreistelliger Teilnehmerzahl – Themen reichen von Prompting über Use Cases bis zu Prompt Injections und technologischen Trends. Aufzeichnungen sind über die GOLDBECK Academy verfügbar.
- Verpflichtendes KI-Basistraining: Mindeststandard für alle Mitarbeitenden zu Möglichkeiten, Grenzen und ersten Prompting-Schritten
- KI-Botschafter-Programm: Ein 14-wöchiges Vertiefungsprogramm (ca. 4 Stunden/Woche) für Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen. Kern sind echte Prototypen, die vor einer Jury gepitcht werden. Im ersten Durchlauf wurden drei Themen in die Use-Case-Pipeline übernommen. Die Botschafter tragen KI-Wissen anschließend dauerhaft in ihre Einheiten.
- Nächste Schritte: Führungskräftequalifikation und systematische Prozessanalysen in Fachbereichen
Kennzahlen und Pragmatismus
Bei Breitensport-Themen misst GOLDBECK primär Nutzungszahlen – wie viele regelmäßige Nutzerinnen und Nutzer auf welchen Tools. Bei Spitzensport-Use-Cases gibt es spezifische KPIs wie eingesparte Zeit, Qualitätsverbesserungen oder Kosten. Die Priorisierung folgt einer klassischen Impact-vs.-Umsetzungsleichtigkeit-Matrix.
Entscheidend ist der Pragmatismus: Ein KI-Gremium und Lenkungskreise mit Geschäftsführungsbeteiligung bewerten Use Cases auf qualitativer Ebene. Wenn der Mehrwert gemeinsam erkennbar ist, gilt das GOLDBECK-Motto: Einfach mal machen.
Tooling: Fokus statt Feature-Hype
Florian warnt davor, sich in der Tool-Vielfalt zu verlieren. Der Ansatz: Nicht vom Tool ausgehen, sondern vom Painpoint. Tool-Vielfalt bewusst überschaubar halten, um Mitarbeitende nicht zu überlasten. Gleichzeitig flexibel genug bleiben, um auf fundamentale Paradigmenwechsel reagieren zu können – ohne sich von jedem Trend stressen zu lassen.
Ein anschauliches Beispiel: Für Gebäudevisualisierung evaluierte GOLDBECK zunächst Spezialanbieter. Während der Governance-Prüfung entwickelten sich multimodale Modelle so stark weiter, dass der Use Case schließlich in Eigenentwicklung mit bestehenden großen Anbietern umgesetzt werden konnte.
Use-Case-Pipeline: Von der Idee zum Rollout
Der Weg eines Use Cases bei GOLDBECK:
- Ideensammlung: Über Workshops mit Führungskräften, das Botschafter-Programm oder direkte Anfragen aus Fachbereichen
- Vorqualifizierung: Erste Bewertung durch das KI-Team
- Priorisierung: Impact-Umsetzungsleichtigkeit-Matrix, bewertet mit Business-Ownern und KI-Gremium
- Umsetzung: Projektrahmen mit KI-Team als Projektmanager, Fachkollegen und internen/externen Umsetzungspartnern
- Rollout: Teilweise mit POC-/Prototypenphase, teilweise direkt
Wichtig: Die Use Cases werden bewusst entlang der gesamten Wertschöpfungskette verteilt, um die Adoption breit zu treiben.
Konkrete Use Cases
- Vertrieb: KI unterstützt Verkaufsingenieure bei Kundenrecherche und -identifikation, damit sie ihre Expertise und Netzwerke besser nutzen können
- Wissensmanagement: Bündelung von Projektinformationen aus Baubesprechungen und Abstimmungen – abrufbar auf Nachfrage
- Wareneingangskontrolle (Entry-Eye): Aus dem KI-Botschafter-Programm entstanden – KI-gestützte Prüfung von zugekauften Stahlprofilen auf Mängel oder Fehllieferungen, aktuell im Rollout
- Gebäudevisualisierung: Architekturvisualisierung mit Bildgenerierungsmodellen in Eigenentwicklung
Datenqualität: Pragmatisch starten
GOLDBECK profitiert vom langjährigen Systembauansatz und der damit verbundenen Digitalisierung – die Ausgangslage ist innerhalb der Baubranche vergleichsweise gut. Dennoch gibt es auch hier Potenzial bei Datenqualität, -verknüpfung und -verfügbarkeit.
Der Ansatz: Nicht auf perfekte Daten warten, sondern dort starten, wo es geht. Wenn ein Use Case in einem Bereich an der Datenlage scheitert, wird das als Treiber für Verbesserungen genutzt – und der Use Case kommt in sechs Monaten oder einem Jahr auf Wiedervorlage.
Zukunftsblick: Planung, BIM und Robotik
Zwei Zukunftsthemen mit besonderem Impact für die Baubranche:
- KI in der Planung: Teilautomatisierung von Planungsschritten in Verbindung mit Building Information Modeling (BIM). Eine schrittweise Entwicklung über Jahre – kein Quantensprung, aber stetig wachsender KI-Nutzen in der Mensch-Maschine-Logik.
- Robotik auf der Baustelle: Humanoide Roboter in Kombination mit KI werden über Zeit mehr Tätigkeiten übernehmen können – nicht morgen, aber die technologische Entwicklung ist nicht aufzuhalten.
Darüber hinaus: Die Entwicklung von KI-Assistenten hin zu Agentic AI wird digitale Prozesse zunehmend automatisieren – schneller, als viele denken.
Rückblick und Learnings
Was GOLDBECK wieder genau so machen würde:
- Menschen schnell beteiligen und sichere KI-Alternativen bereitstellen
- KI-Wissen aktiv in die Organisation tragen
- Die Doppel-Ausrichtung auf Adoption und Use Cases beibehalten
Im Detail gibt es immer Learnings – etwa beim Visualisierungs-Use-Case, wo man mit mehr Voraussicht hätte warten können. Aber die großen Linien und die KI-Ambition sind nach zweieinhalb Jahren weiterhin die richtigen.
Rat für den Start
Florians Botschaft an Unternehmen, die noch am Anfang stehen: Einfach mal machen. Keine Angst vor Fehlern haben, sich „voranzuscheitern" (Sascha Lobo). Nicht ewig nach dem perfekten Use Case suchen, sondern die Enthusiasten im Unternehmen zusammenziehen und starten. KI ist kein Thema für eine kleine Gruppe – es betrifft das gesamte Unternehmen.
Es ist jetzt nicht zu früh oder zu spät anzufangen – es ist genau richtig, dann auch loszulegen.
Kernaussagen
- KI-Ambition statt starrer Roadmap: Ein flexibles Leitbild funktioniert besser als eine fixe Strategie, weil es Raum für die rasante Technologieentwicklung lässt und trotzdem einen klaren Nordstern bietet. Strategische Flexibilität
- Adoption und Use Cases gehören zusammen: Ohne breite Adoption entstehen keine wirkungsvollen Use Cases – und ohne sichtbare Use Cases schwindet die Begeisterung. Beides muss parallel vorangetrieben werden. Wechselseitige Verstärkung
- Das KI-Botschafter-Programm als Adoption-Turbo: Mitarbeitende aus Fachbereichen entwickeln echte Prototypen und tragen KI-Wissen danach dauerhaft in ihre Einheiten. Das schafft qualifizierte Ideengeber und reduziert die Abhängigkeit vom zentralen KI-Team. Dezentrale Befähigung
- Pragmatismus vor Perfektion: Nicht auf die perfekte Datenbasis oder den perfekten Use Case warten, sondern starten. Fehlende Datenqualität wird durch KI-Projekte als Treiber für Verbesserungen sichtbar. Lernende Organisation
- Tooling: Vom Painpoint, nicht vom Tool: Die Tool-Vielfalt überschaubar halten und vom Problem ausgehen – nicht vom Feature-Hype. Gleichzeitig flexibel genug bleiben für fundamentale Paradigmenwechsel. Fokussierte Innovation
- Use Cases entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Bewusste Verteilung der KI-Projekte über alle Bereiche, um Adoption breit zu treiben und den Mehrwert überall sichtbar zu machen. Ganzheitlicher Ansatz
- Einfach mal machen: GOLDBECKs Unternehmenskultur – Enthusiasten zusammenziehen, starten, aus Fehlern lernen und sich voranzuscheitern. Das gilt unabhängig von der Unternehmensgröße. Handlungsorientierung
Links
- Zum Unternehmen: GOLDBECK Website · GOLDBECK auf LinkedIn
- Artikel: „Auf KI bauen" – Das kommt aus Bielefeld
Zum Gast: Dr. Florian Gauer



