KI übernimmt für uns die Aggregation von News — aber die Deutungshoheit bleibt immer beim Menschen.
Mary Abdelaziz-Ditzow
Chefredakteurin Wirtschaft & News
Finanzfluss
Mary Abdelaziz-Ditzow

#78Wie Finanzfluss menschliche Stärken mit KI-Fähigkeiten im Journalismus verbindet

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Intro

Finanzfluss hat in kurzer Zeit einen Newsroom aufgebaut, der KI nicht als Gimmick nutzt, sondern als strukturelles Element: KI scannt die Breite der Weltlage — Menschen liefern Einordnung, Kontext und Verantwortung.

In dieser Episode erklärt Mary Abdelaziz-Ditzow (Chefredakteurin Wirtschaft & News bei Finanzfluss), warum die wichtigste Grenze im Journalismus nicht technisch ist, sondern redaktionell: Vertrauen, Deutungshoheit und Sprache bleiben menschliche Kernkompetenzen.


Inhaltsübersicht

  • Wer Mary ist und warum Finanzfluss eine Wirtschaftsredaktion aufgebaut hat
  • Was KI im Journalismus wirklich verändert (und wo die Grenzen sind)
  • Warum Finanzfluss KI von Anfang an ins Setup integriert hat
  • Die Trennlinie: Aggregation vs. Deutungshoheit
  • Der Use Case: RSS-Feeds, Quellenvielfalt und blinde Flecken
  • So läuft der Prozess im Alltag (Regionen, Konferenz, Checks)
  • Blick nach vorn: KI als Objektivitäts-Korrektiv

Über den Gast

Mary Abdelaziz-Ditzow ist Chefredakteurin für Wirtschaft & News bei Finanzfluss. Sie verantwortet den Aufbau einer neuen Wirtschaftsredaktion und beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie Journalismus in einer KI-geprägten Medienlandschaft vertrauenswürdig bleibt.


Detaillierte Zusammenfassung

KI im Journalismus: Risiko und Chance gleichzeitig

Mary beschreibt KI im Journalismus als ambivalent: Einerseits eröffnet sie massive Effizienzgewinne — vor allem beim Aggregieren großer Informationsmengen. Andererseits entstehen Risiken durch Halluzinationen, Confirmation Bias und blinde Flecken in Quellen und Perspektiven.

Der Kernpunkt: KI kann unterstützen, aber Inhalte dürfen nicht „aus der Hand gegeben“ werden. Entscheidend ist, wo Kontrollinstanzen sitzen und wer am Ende Verantwortung für die Einordnung trägt.

Die wichtigste Grenze: Deutungshoheit bleibt menschlich

Für Mary verläuft die Grenze klar: KI übernimmt Quantität und Breite, Menschen übernehmen Kontext, Abwägung und Sprache. Besonders das Schreiben sieht sie nicht als reines „Runterschreiben“, sondern als Teil des Einordnungsprozesses.

Ein einzelnes Wort kann bereits framen — deshalb ist das Schreiben für sie untrennbar mit journalistischer Verantwortung verbunden.

Warum Finanzfluss ein eigenes KI-Tool gebaut hat

Finanzfluss ist mit dem Anspruch gestartet, täglich ein News-Format zu produzieren — mit einer kleinen Redaktion. Das funktioniert nur, wenn KI die Weltlage vorsortiert.

Der entscheidende Hebel war dabei nicht „mehr KI“, sondern eine belastbare Datengrundlage:

  • Die Redaktion hat die Welt in Regionen aufgeteilt und Medienlandschaften systematisch analysiert.
  • Es wurden hunderte Quellen kuratiert und als RSS-Feeds integriert.
  • Wichtig: Quellen werden nicht gleich behandelt, sondern bewusst eingeordnet (z.B. staatlich angebundene Medien vs. unabhängige Medien).

Workflow im Newsroom: Menschliche Auswahl + Konferenz + Quellencheck

Das Tool liefert eine kuratierte Vorschlagsliste, aber die Redaktion entscheidet:

  • Teammitglieder scannen jeweils Regionen.
  • Sie bringen eine Vorauswahl in die Konferenz.
  • Dort wird diskutiert, welche Themen ins Programm kommen.
  • Danach folgt der klassische journalistische Check: Primärquellen öffnen, Aussagen prüfen, Relevanz und Perspektiven abwägen.

Parallel werden zusätzlich „Trusted Media“-Checks gemacht, um sicherzustellen, dass nichts Wesentliches fehlt.

Was schwieriger war als gedacht

In der Umsetzung war vieles weniger „Plug-and-Play“:

  • Der naive Ansatz, einfach viele Websites zu „füttern“, hat technisch nicht funktioniert.
  • RSS-Feeds waren der pragmatische Durchbruch — aber nicht jede Region/Website bietet sie zuverlässig.
  • Prompting und Kriterien mussten mehrfach geschärft werden, bis die Ergebnisse stabil genug waren.

Nächster Schritt: KI als Korrektiv für Bias und Framing

Mary beschreibt als nächstes Projekt ein Tool, das das eigene geschriebene Wort überprüft: Nicht, um Redaktion zu ersetzen, sondern um eine zusätzliche Feedback-Ebene zu schaffen.

Idealbild: In der Wochen-Feedbackrunde kann das Team eine Analyse der Folgen abrufen und sehen, ob Sprache, Perspektiven und Waage („multiperspektivisch“) wirklich eingehalten wurden.


Kernaussagen

  • KI kann im Journalismus vor allem dort helfen, wo es um Breite, Quantität und Vorsortierung geht.
  • Vertrauen entsteht durch Verantwortung — und Verantwortung bleibt beim Menschen.
  • Schreiben ist kein reines „Ausführen“, sondern Teil der Einordnung.
  • Der größte Hebel liegt oft im Aufbau der Datengrundlage (Quellen, Kriterien, Checks), nicht im Modell.
  • KI kann perspektivisch auch als Qualitätssicherung dienen (Bias-/Framing-Korrektiv).

Fazit und Takeaways

Finanzfluss zeigt ein pragmatisches, aber konsequentes Muster: KI ist kein Ersatz-Journalist, sondern ein Verstärker für menschliche Stärken.

Wer ähnlich arbeiten will, braucht zuerst Klarheit über Grenzen und Verantwortung — und dann eine saubere Datenbasis, auf der KI sinnvoll aggregieren kann.

Felix Riedl

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