Warum wir uns abgehängt fühlen
Warum sich KI-Verantwortliche fühlen, als wären sie hinten dran – und warum genau das ein gutes Zeichen ist.
Herzlich Willkommen zu den AI FIRST Insights! Letzte Woche habe ich die Abschlusskeynote beim 3. The Dock von Langdock gehalten. Vor mir saßen 500 KI-Verantwortliche, die KI in großen Unternehmen ausrollen, Use Cases umsetzen, die Adoption in den Fachbereichen treiben und damit ihr Unternehmen in die Zukunft bringen.
Ich habe mit einer Frage eröffnet: “Wer in diesem Raum fühlt sich abgehangen und verloren?”
500 Hände gingen hoch.
Ein Raum voller Menschen, die an der Spitze der KI-Transformation in Unternehmen stehen und trotzdem das Gefühl haben, dass sie nicht vorne mitspielen.
Vielleicht geht es dir auch so.
Ich glaube, dass dieses Gefühl das Signal ist, dass wir auf genau dem richtigen Weg sind. Auch wenn wir oft nicht wissen, wie der eigentlich aussehen soll.
Lass es mich erklären.
Uns geht es allen so
Seit drei Jahren baue ich mit AI FIRST ein Unternehmen, in dem wir KI in unseren Arbeitsweisen, Prozessen und Produkten im Kern mitdenken und die Fähigkeiten der Technologie voll ausschöpfen wollen. In diesen Jahren hatte ich ein paar wenige, kurze Moment in denen ich dachte “jetzt habe ich’s verstanden”. Und schon als ich es ausgesprochen hatte, war dieses Gefühl wieder verflogen.
Entweder hatte sich das KI-Spielfeld verändert (Sprung in Modell-Fähigkeiten, neue Tools, Konzepte wie Skills, …) oder ich habe bei jemand anderem ein KI-Setup gesehen, das mein Eigenes wie ein nettes Spielzeug aussehen lies. Immer wieder dachte ich, dass ich auf der Stelle trete. Mit der Geschwindigkeit von KI mitzuhalten, fühlt sich oft wie bei Alice im Wunderland an. Alice läuft so schnell sie kann und trotzdem ist sie am Ende noch immer am gleichen Ort.
Die gute Nachricht: Wir sind nicht allein.
Selbst Andrej Karpathy, der KI-Teams bei Tesla, OpenAI und mittlerweile Anthropic geleitet hat, schrieb vor Kurzem, dass er sich in seinem gesamten beruflichen Leben noch nie so weit zurückgeworfen gefühlt hat wie gerade jetzt. Er beschreibt KI als ein mächtiges Alien-Werkzeug, das man uns ohne Bedienungsanleitung in die Hand gedrückt hat – und jeder muss selbst herausfinden, wie man das Ding hält und einsetzt.
Für sich alleine herauszufinden, wie man das Alien Tool bedient, ist schon Herausforderung genug. Diese Frage für 100e - 1000e Menschen in einem gewachsenen Unternehmen zu beantworten, ist nochmal ein ganz anderes Tierchen.
Aber es gibt keinen Weg daran vorbei.
Irgendjemand muss es tun.
Die leere Karte
Wie bringen wir also eine (Alien) Technologie, die sich exponentiell entwickelt in ein Unternehmen, das sich eher langsam und linear verändert?
Wir brauchen eigentlich eine Landkarte, die uns bei der Navigation durch “AI Land” hilft, wo wir jeden Morgen auf eine riesige Baustellen kommen - unser Unternehmen.
Wie großartig wäre es, wenn wir diese Karte rausholen können und sie uns genau sagt, wann wir links oder rechts abbiegen müssen, wo wir eine Pause machen können und wie weit der Weg bis zum nächsten Meilenstein ist.
Aber diese Karte ist so gut wie leer, unbekanntes Territorium.
Ein paar Trampelpfade und Wegweiser gibt es mittlerweile, die uns den Weg zu schnellerer Adoption zeigen, ein paar funktionierende Use Cases, Best Practices zum Upskilling von Mitarbeitern oder wie wir eine Governance aufsetzen können.
Aber das AI Land aus 2024 hat nicht mehr so viel mit dem AI Land aus 2026 zu tun.
Viele Trampelpfade wurden verweht und die Wegweiser zeigen in eine falsche Richtung. Die Wege von vor 2 Jahren führen uns nicht mehr ans Ziel.
Kein Wunder also, dass wir uns verloren fühlen, wenn es keine Karte zur Orientierung gibt.
Baustelle vs. Traumhaus
Was findest du vor, wenn du in AI Land am Montag zur Arbeit gehst?
Wahrscheinlich auch eine große Baustelle mit:
- 20 Jahre alten System auf eigenen Servern und ohne Anbindungen
- 6-monatige Prozesse für Freigabe von IT Security und Betriebsrat
- 25 Jahre an Erfahrung und Wissen in den Köpfen von Menschen, die es nicht rausgeben
Das ist nur ein kleiner Auszug von Bereichen in eurem Haus, die saniert und renoviert werden müssen. Diese Baustelle ist der Ort, wo KI auf die echte Welt trifft.
Aber ihr seid ja nicht alleine. Hin und wieder ziehen neue Unternehmen ins AI Land. Die kaufen sich eine grüne Wiese links neben euch und bauen scheinbar mühelos in wenigen Monaten ihr Traumhaus mit:
- 10x produktiveren Mitarbeitern
- 100% autonomen Agenten im Team
- 37 umgesetzten Use Cases in 3 Monaten
(Ja, ich bekenne mich schuldig, irgendwie auch einer dieser Nachbarn zu sein…)
Dein CEO bekommt natürlich auch mit, was die Nachbarn so machen (ja, ich bekenne mich schuldig), knipst ein Foto von dem Traumhaus, legt dir das vor und will wissen, warum ihr noch nicht so ein schönes Haus im AI Land stehen habt.
Und was machst du?
Du vergleichst wahrscheinlich deine Baustelle mit dem Traumhaus deines Nachbarn.
Das löst das Gefühl aus, hinten dran zu sein.
Aber ist das ein fairer Vergleich?
Du kannst nicht einfach nebenan ein neues Grundstück mieten und bei null anfangen. In deinem Haus arbeiten, auch mitten in der Kernsanierung, Hunderte oder Tausende Menschen, die ein Dach über dem Kopf brauchen. Täglich kommen viele Kunden zu euch, um ihre Ware abzuholen.
Ein Abriss ist also selten eine Option.
Auch wenn sich die Arbeit auf dieser Baustelle oft langsam und schwer anfühlt und du mit der gleichen Geschwindigkeit wie einige deiner Nachbarn dein Traumhaus bauen willst, so glaube ich doch, dass genau das die Arbeit ist, die jetzt am meisten zählt.
Die Bürde von Pionieren
Ein Pionier ist jemand, der Dinge tut, die noch nie zuvor getan wurden, um den Weg für andere Menschen zu ebnen und neue Durchbrüche zu ermöglichen.
Das beschreibt perfekt, was KI-Verantwortliche in Unternehmen gerade tun.
Niemand kann bisher genau beschreiben, wie man ein gewachsenes Unternehmen mit KI transformiert. Es gibt keine Anleitung dafür, keine Blaupause, die man einfach kopieren kann. Genau deshalb sind alle, die das gerade versuchen, Pioniere – auch wenn sich das selten so anfühlt.
Pioniere brauchte es schon immer, wenn eine neue Technologie auf eine bestehende Welt trifft. Als die ersten Autos 1914 in Cleveland auf Straßen trafen, auf denen bis dahin nur Pferdekutschen unterwegs waren, herrschte zunächst Chaos. Es gab weder Ampeln noch Verkehrsregeln noch Führerscheine. Ein paar wenige Menschen übernahmen Verantwortung und mussten all das aus dem Nichts entwickeln, damit am Ende Millionen Menschen sicher von den Autos profitieren konnten. Heute haben wir die perfekte Karte für den Straßenverkehr - damals war sie ebenfalls leer.
Jetzt brauchen wir wieder diese Pioniere, die Verantwortung für ihre Unternehmen übernehmen, die Routen und Wegweiser in die Karte zeichnen, damit sich andere im AI Land zurechtfinden und die eigene Baustelle in ein Traumhaus verwandeln, wo Menschen gerne und gut arbeiten.
Fazit
Wenn du dich also manchmal verloren oder hinten dran fühlst: Das ist normal.
Es geht uns allen so.
Dieses Gefühl ist die Bürde eines Pioniers. Es ist das beste Signal, dass du genau am richtigen Ort bist, wo du unbekanntes Terrain erschließt und die Arbeit machst, die wirklich zählt.
Wie geht es dir gerade mit diesem Gefühl – eher wie eine Last oder wie ein Zeichen, dass du am richtigen Ort arbeitest?
Schreib mir gerne, ich lese jede Antwort.
Bis nächsten Sonntag,
Felix
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