
#40Wie sieht die KI-Roadmap 2030 aus?
Intro
Ein fundamentaler Wandel steht bevor: Während viele Unternehmen derzeit darauf fokussieren, wie Menschen besser mit KI kommunizieren können, wird in Zukunft die Kommunikation zwischen KI-Systemen untereinander dominieren. Janszky erklärt: "Die Kommunikation zwischen Mensch und KI wird in der Zukunft viel weniger sein als die Kommunikation zwischen KI und KI." Konkret bedeutet das: Jede der durchschnittlich 30 Apps auf einem Smartphone wird zu einer KI-App, die mit anderen KI-Systemen kommunizieren kann. Statt dass ein Mensch selbst einen Flug bucht, kommuniziert sein persönlicher Agent mit den Agents von Fluggesellschaften, Hotels und Restaurants. Der Mensch wird aus vielen Prozessketten herausgenommen. Diese AI to AI Economy verändert fundamental, wie Unternehmen arbeiten müssen – nicht mehr auf direkte Mensch-Maschine-Interaktion optimiert, sondern auf Agent-to-Agent-Kommunikation.
Humanoide Roboter: Serienreife 2026
Das große Thema für 2026 werden humanoide Roboter sein. Diese Roboter sind KI-gestützt, können sprechen, haben Hände und Füße, sehen aber nicht aus wie Menschen. Sie sind inzwischen serienreif und werden bereits trainiert. Janszky berichtet von etwa 30 Herstellern weltweit. Tesla plant, noch 2025 an andere Unternehmen zu verkaufen, 2026 beginnt die große Verkaufsphase. Die Preise variieren stark: Amerikanische Hersteller wie Tesla nennen 30.000 US-Dollar, auf Haushalte spezialisierte Anbieter 15.000 Dollar. Chinesische Firmen bieten bereits Modelle für 10.000 Dollar an und prognostizieren einen weiteren Preisverfall auf 2.000 Dollar in den kommenden Jahren. Bei einem Besuch in China traf Janszky Vorstände von Tencent und Huawei, die stolz ihre bereits verfügbaren humanoiden Roboter präsentierten. Diese Entwicklung wird den Arbeitsmarkt fundamental verändern.
Industry Models: Vortrainierte KI für ganze Branchen
Für 2027 rechnet Janszky mit dem Durchbruch von Industry Models – großen KI-Systemen, die für bestimmte Branchen vortrainiert sind. In China kann man bereits heute Lizenzen für solche Modelle kaufen: für E-Government (Stadtbetrieb), Häfen, Flughäfen, Banken, Pharmaunternehmen, Bergbau, Manufacturing und viele weitere Branchen. Die chinesischen Tech-Giganten Tencent und Huawei bieten diese bereits kommerziell an. Unternehmen können sich einfach anschließen und sofort von den Effizienzsteigerungen profitieren. Warum prognostiziert Janszky den Durchbruch erst für 2027 in Deutschland? Weil die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass deutsche oder europäische Unternehmen chinesische Industry Models nutzen werden. Sie warten lieber auf amerikanische Lösungen – und das dauert voraussichtlich noch zwei Jahre. Diese Verzögerung könnte deutschen Unternehmen wertvolle Zeit kosten.
Die Zukunft der Mobilität: Adaptive Robotaxis
Am Beispiel der Automobilbranche illustriert Janszky den fundamentalen Wandel durch KI. Die Zukunft gehört autonomen Robotaxis, die viermal kostengünstiger sein werden als der individuelle Autobesitz. Diese Fahrzeuge werden adaptive Innenräume haben, die sich je nach Nutzer und Situation umbauen. Das System erkennt beim Einsteigen individuell, wer die Person ist, und situativ, was sie gerade braucht. Ist der Passagier müde, verwandelt sich der Innenraum in ein Bett. Muss die Person arbeiten, entsteht ein Schreibtisch. Steigt eine Familie mit Kindern ein, bildet sich ein Kinderspielbereich. Janszky prognostiziert, dass viele dieser Fahrten kostenlos sein werden – finanziert durch personalisierte Werbung und Verkaufsangebote während der Fahrt. Dieses Szenario steht in direktem Widerspruch zum aktuellen Geschäftsmodell deutscher Automobilhersteller, die Autos mit festem Lenkrad an Einzelpersonen verkaufen. Bereits heute fahren in San Francisco mehr Waymo-Robotaxis als Ubers – ein Vorbote der kommenden Disruption.
Der chinesische Autobauer-Schock
Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Wettbewerbsverschiebung liefert Janszky aus einem Gespräch mit einem Huawei-Vorstand in China. Der Telekommunikationskonzern baut inzwischen Autos – und hat den großen SUV von BMW nachgebaut. Der Original-SUV von BMW beginnt bei 140.000 Euro. Die chinesische Version kostet 60.000 Euro – nicht einmal die Hälfte. Der Grund: "Das Ding ist komplett von einer Roboterstraße gebaut", erklärt der Huawei-Manager. KI-gestützte Produktionsprozesse ermöglichen diese drastische Kostenreduktion. Janszky warnt: "Ein Auto mit KI-gestützten Produktionsprozessen kostet nicht einmal die Hälfte eines traditionell gefertigten Autos." Diese chinesischen Challenger verkaufen ihre Produkte noch nicht massiv in Europa – aber das ist angekündigt und wird in den nächsten ein bis zwei Jahren kommen. Dann wird es für deutsche Hersteller "ein bisschen eng".
Ein Auto mit KI-gestützten Produktionsprozessen kostet nicht einmal die Hälfte eines traditionell gefertigten Autos.
Die Drei-Schritt-Logik für Unternehmen
Für Unternehmen empfiehlt Janszky eine klare Strategie: "Watch, Prepare, Act" – Beobachten, Vorbereiten, Handeln. Unternehmen müssen zunächst verstehen, welche technologischen Entwicklungen auf sie zukommen und wann diese den Tipping Point erreichen – jenen Moment, an dem eine Technologie von der flachen Anfangsphase in steiles exponentielles Wachstum übergeht. Dann müssen sie sich gezielt vorbereiten, indem sie Kompetenzen aufbauen und Prozesse anpassen. Schließlich müssen sie handeln. Die entscheidende Frage ist: In welcher Phase befindet sich welche Technologie? Für Multiagentensysteme und AI-Agents ist laut Janszky bereits jetzt die Zeit zum Handeln gekommen – nicht mehr zum Vorbereiten oder Beobachten. Wer sich noch nicht vorbereitet hat, muss dies schnell nachholen. Die wichtigste Kompetenz, die Unternehmen jetzt aufbauen müssen: Menschen, die in der Lage sind, "bisherige Unternehmensprozesse Schritt für Schritt zu ersetzen durch AI-Agents".
Das richtige Zukunftsbild entwickeln
Das Wichtigste für Unternehmen ist laut Janszky ein klares Zukunftsbild: Wo steht die Branche in fünf Jahren? Nur wer dieses Zielbild hat, kann rückwärts planen und definieren, wo das Unternehmen in vier, drei, zwei und einem Jahr sein muss. Janszky warnt vor der typisch deutschen Innovationsdenke, das Bestehende optimieren zu wollen – "immer ein bisschen zu 2% besser das Bestehende". Das reicht nicht mehr. Unternehmen müssen entweder parallel neue Strukturen aufbauen oder sich Startups zukaufen, die Technologie und Mentalität mitbringen. Entscheidend ist auch eine internationale Weltkarte: Die Entwicklungsgeschwindigkeit wird nicht mehr von Europa bestimmt, sondern von China und dem Silicon Valley. Janszky empfiehlt, die Weltkarte mental neu auszurichten: Statt Europa in der Mitte zu sehen, sollte man China in die Mitte rücken – dann wird Europa zu "ein paar Versprengte links oben in der Ecke". Diese Perspektive macht deutlich, wo heute die Geschwindigkeit gemacht wird.
Die Rechenkapazitäts-Explosion
Eine fundamentale Entwicklung, die viele übersehen: Die Rechenkapazität von Computern verdoppelt sich bei gleichem Preis derzeit alle 3,4 Monate – nicht mehr alle 24 Monate wie früher im Mooreschen Gesetz. Ab etwa 2028 wird sich dieser Zyklus auf alle 1,5 Monate, also alle sechs Wochen, beschleunigen. Janszky stellt die entscheidende Frage an IT-Verantwortliche: "Hast du dein Unternehmen, deine Prozesse, deine Geschäftsmodelle darauf aufgebaut, dass demnächst aller sechs Wochen sich die Rechenkapazität deiner IT-Systeme verdoppeln muss?" Diese Geschwindigkeit ist nur zu bewältigen, wenn man international denkt und sich an den Entwicklungen in China und im Silicon Valley orientiert. Dort ist diese Beschleunigung bereits Alltag und wird in jeder Strategie mitgedacht.
Chancen für die deutsche Wirtschaft
Trotz aller Herausforderungen sieht Janszky gute Chancen für Deutschland. Die deutsche Wirtschaft ist "wahnsinnig stark im Maschinenbau", präzise und qualitativ hochwertig. Wenn es gelingt, diese Stärken mit KI-Logik zu verbinden, "dann werden wir wahnsinnig weit kommen". Aber: Diese Verbindung muss jetzt geschaffen werden, nicht erst in zehn Jahren – idealerweise in den nächsten ein bis zwei Jahren. Janszky verweist auf die Wertebasis des deutschen Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Großelterngeneration baute auf vier Komponenten: eine hart arbeitende Bevölkerung, die wollte, dass es den Kindern besser geht; eine damals moderne Technologie (der Verbrennungsmotor); geringe Regulierung; und kostenlose Infrastruktur (Autobahnen). Diese exakt gleichen Komponenten finden sich heute im Silicon Valley und in chinesischen Megacities wie Shenzhen und Shanghai. Janszky fragt: "Warum sollten wir das nicht jetzt auch nochmal machen?"
Die Werte-Frage: Welche Generation als Vorbild?
Bei der Diskussion über "deutsche Werte" stellt Janszky eine provokante Frage: Welche Werte meinen wir eigentlich? Die Werte seiner Elterngeneration, "die irgendwie das Wirtschaftswunder einfach nur verfressen haben"? Oder die Werte seiner Großelterngeneration, die das Wirtschaftswunder aufgebaut haben? Das sind fundamental unterschiedliche Wertesysteme. Menschen mit guten Erfahrungen aus der Vergangenheit tendieren dazu, diesen Erfahrungen mehr zu vertrauen als den Möglichkeiten der Zukunft – und sehen Veränderung als Angriff auf ihr bestehendes, komfortables Leben. Menschen ohne oder mit schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit – also junge Menschen oder Menschen, denen es nicht gut geht – müssen den Möglichkeiten der Zukunft mehr vertrauen. Janszky betont: "Wissenschaftlich nüchtern betrachtet sind die Möglichkeiten der Zukunft natürlich größer als die Erfahrungen aus der Vergangenheit. Das ist ja logisch." Wer Zukunft bauen will, muss sich mit Menschen verbinden, die den Möglichkeiten der Zukunft mehr Potenzial zutrauen als andere.
Verbinde dich mit Menschen, die in den Möglichkeiten der Zukunft mehr Potenzial sehen als andere.
Kernaussagen
- Die Reality Gap ist real — "Die Reality Gap zwischen Technologie-Vorreitern und deutschen Unternehmen ist inzwischen so groß geworden, dass wir in der Wissenschaft ein Wort dafür erfinden mussten." Disruption, Wettbewerb, Innovation
- KI kommuniziert mit KI — "Die Kommunikation zwischen Mensch und KI wird in der Zukunft viel weniger sein als die Kommunikation zwischen KI und KI." AI to AI Economy, Agenten, Automatisierung
- KI-Produktion halbiert die Kosten — "Ein Auto mit KI-gestützten Produktionsprozessen kostet nicht einmal die Hälfte eines traditionell gefertigten Autos." Kostenreduktion, China, Wettbewerb
- Langlebigkeit wird Realität — "Wer die nächsten 10 Jahre überlebt, hat eine hohe Wahrscheinlichkeit, 100 zu werden. Wer die nächsten 30 Jahre überlebt, hat eine hohe Wahrscheinlichkeit, 120 zu werden." Gesundheit, Zukunft, Technologie
- Zukunftsmenschen als Verbündete — "Verbinde dich mit Menschen, die in den Möglichkeiten der Zukunft mehr Potenzial sehen als andere." Mindset, Kultur, Führung
Fazit und Takeaways
Die Entwicklung von KI-Technologien schreitet exponentiell voran und wird nahezu alle Wirtschaftsbereiche fundamental verändern. Für deutsche Unternehmen besteht die akute Gefahr, den Anschluss zu verlieren, wenn sie nicht jetzt handeln. Die Diskrepanz zwischen dem, was in China und im Silicon Valley bereits Realität ist, und dem, was in Deutschland diskutiert wird, hat eine Größenordnung erreicht, die einen eigenen wissenschaftlichen Begriff rechtfertigt: Reality Gap. Gleichzeitig bietet die KI-Revolution enorme Chancen, insbesondere wenn Deutschland seine Stärken im Maschinenbau und der Präzisionsfertigung mit KI-Technologien verbindet.
Für Unternehmen: Konkrete Handlungsschritte
- Entwickle ein klares Zukunftsbild: Verstehe, wohin sich deine Branche in den nächsten fünf Jahren entwickeln wird. Arbeite von diesem Zielbild rückwärts, um die notwendigen Schritte für jedes Jahr zu definieren. Dieses Zukunftsbild muss sich an den Entwicklungen in China und im Silicon Valley orientieren, nicht an europäischen Diskussionen.
- Baue KI-Kompetenz auf: Investiere in Mitarbeiter, die die Fähigkeit haben, bestehende Unternehmensprozesse Schritt für Schritt durch AI-Agents zu ersetzen. Diese Kompetenz ist heute keine Zukunftsvision mehr, sondern aktueller Handlungsbedarf. Low-Code-Plattformen machen diese Transformation zugänglich, auch ohne IT-Studium.
- Wende die Drei-Schritt-Logik an: Watch (beobachten), Prepare (vorbereiten), Act (handeln). Verstehe, in welcher Phase du dich bei welcher Technologie befindest. Für Multiagentensysteme ist bereits jetzt die Act-Phase erreicht – wer noch nicht vorbereitet ist, muss schnell aufholen.
Für Strategen: Perspektivenwechsel
- Denke global, nicht europäisch: Die Entwicklungsgeschwindigkeit wird nicht mehr von Europa bestimmt. Richte deine Weltkarte neu aus: China in die Mitte, dann siehst du, wo die echte Geschwindigkeit gemacht wird. Orientiere dich an den Entwicklungen in Shenzhen, Shanghai und dem Silicon Valley.
- Bereite dich auf exponentielle Beschleunigung vor: Die Rechenkapazität verdoppelt sich derzeit alle 3,4 Monate, ab 2028 alle sechs Wochen. Sind deine Prozesse, Systeme und Geschäftsmodelle darauf ausgelegt, mit dieser Geschwindigkeit mitzuhalten?
- Verstehe die AI to AI Economy: Das Zukunftsbild ist nicht, dass Menschen besser mit KI kommunizieren, sondern dass KI-Systeme untereinander kommunizieren. Menschen werden aus vielen Prozessketten herausgenommen. Richte deine Strategie darauf aus.
Für Führungskräfte: Kulturwandel
- Verbinde dich mit den richtigen Menschen: Arbeite mit Menschen zusammen, die den Möglichkeiten der Zukunft mehr vertrauen als ihren Erfahrungen aus der Vergangenheit. Das sind entweder junge Menschen ohne alte Denkmuster oder Menschen, die ihre Situation verbessern wollen. Sie sind die stärkste Zukunftstriebkraft.
- Vermeide iterative Optimierung: Die typisch deutsche Denke, das Bestehende um 2% zu verbessern, reicht nicht mehr. Du musst bereit sein, parallel neue Strukturen aufzubauen oder dir die nötige Technologie und Mentalität durch Zukäufe von Startups zu holen.
- Handle jetzt, nicht später: Die Einschläge kommen in den nächsten ein bis zwei Jahren näher. Challenger-Unternehmen aus China und den USA, die mit KI-Technologien zu Bruchteilen der Kosten produzieren, werden in europäische Märkte drängen. Wer dann nicht vorbereitet ist, wird von der Geschwindigkeit überrollt.
Die nächsten Jahre werden entscheidend sein für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Die beste Zeit zum Handeln war gestern – die zweitbeste ist jetzt. Wer die transformative Kraft der KI nutzt und sich mit den Werten der Aufbaugeneration verbindet – harte Arbeit, moderne Technologie, weniger Regulierung – kann auch in einer zunehmend von AI-to-AI-Kommunikation geprägten Wirtschaft erfolgreich sein.



