
#73KI-Programm bei BASF: Breitensport und Spitzensport
Intro
Marcus Pospiech verantwortet als Corporate AI Program Lead das konzernweite KI-Programm bei BASF – dem weltweit größten Chemiekonzern mit über 100.000 Mitarbeitenden. Im AI FIRST Podcast erklärt er, wie BASF KI nicht als IT-Spielerei behandelt, sondern als strategischen Transformationshebel einsetzt. Seine zentrale Metapher: Breitensport und Spitzensport. Breitensport bedeutet, allen Mitarbeitenden KI-Zugang und Kompetenz zu geben. Spitzensport sind die 60 Value Cases mit direktem Beitrag zur Profitabilität. Dazu kommt eine dritte Säule – „Am Ball bleiben": Governance, Talent und die nächste Technologiewelle vorbereiten. Marcus spricht offen über die Herausforderungen, 110.000 Menschen mitzunehmen, warum Führungskräfte ihre KI-Beurteilungskompetenz nicht mehr delegieren dürfen und warum Speed over Perfection das wichtigste Prinzip auf dieser Reise ist.
Inhaltsübersicht
- Die Rolle des KI-Programmmanagers in einem Konzern mit 110.000 Mitarbeitenden
- Das 3-Säulen-Modell: Breitensport, Spitzensport, Am Ball bleiben
- Enablement im Detail: Von Pflichtschulungen über rollenspezifische Trainings bis zu 1.000+ AI Champions
- Spitzensport-Cases: PlantGPT, Fox (Finance Assistant) und SIA (IT-Support)
- Aktivierungsformate: What's New Sessions, Newsletter, Communities und Multichannel-Ansatz
- Erfolgsmessung: Regular Use vs. Power Use als zentrale KPIs
- Führungskräfte als Transformations-Owner: Beurteilungskompetenz statt Delegation
- Von 500 Ideen zu 60 Value Cases: Methodik, Priorisierung und Opt-in-Voting
- Prozesstransformation: KI nicht oben drauf, sondern von Anfang an mit reindenken
- Ausblick: Agentische KI, Physical AI und warum Optimismus berechtigt ist
Über den Gast
Marcus Pospiech ist Corporate AI Program Lead bei BASF und verantwortet seit Mai 2024 das konzernweite KI-Programm. Mit 26 Jahren Betriebszugehörigkeit – angefangen als Informatikkaufmann – kennt er den Konzern von innen wie wenige andere. Seine Stärke: die Brücke zwischen Technologie und Geschäft. Marcus ist in der Strategieeinheit aufgehängt, nicht in der IT – ein bewusstes Signal, dass KI bei BASF als strategischer Hebel verstanden wird. Gemeinsam mit der Digitalisierungseinheit, den Geschäfts- und Funktionsbereichen steuert er ein Programm, das von verpflichtenden KI-Schulungen für alle bis hin zu 60 fokussierten Value Cases mit direktem EBIT-Beitrag reicht. Marcus ist regelmäßig als Speaker aktiv, u.a. auf der VCW-Jahrestagung, und teilt seine Learnings offen mit der Community.
Detaillierte Zusammenfassung
Das KI-Programm: Virtuelle Organisation statt Parallelstruktur
BASF hat sich bewusst gegen eine neue Linienorganisation für KI entschieden. Stattdessen greift das Programm virtuell in die bestehende Organisation ein – schnell, flexibel und ohne Konkurrenz zu vorhandenen Kompetenzen. Marcus betont: „Das Programmmanagement ist nicht für die Ewigkeit bestimmt." Es bündelt Wissen, allokiert Ressourcen und priorisiert in Abstimmung mit Stakeholdern – aber die Ownership bleibt in den Einheiten.
Das Ergebnis: Interdisziplinäre Teams können schnell zusammengestellt werden, Value Cases werden in Co-Creation mit Fachanwendern entwickelt, und niemand muss ein neues Team gründen, nur um einen Use Case für ein halbes Jahr auszuprobieren.
Säule 1: Breitensport – KI-Kompetenz für alle
Das Ziel: Möglichst alle 110.000 Mitarbeitenden haben Zugang zu KI und werden im Umgang geschult.
Der Einstieg: Drei verpflichtende Module à 30 Minuten – KI-Grundlagen, Ethik, Prompting und Compliance. Mittlerweile auf ein kompaktes 45-Minuten-Modul eingedampft und als Pflichtschulung institutionalisiert, vergleichbar mit Datenschutz- oder Compliance-Trainings. Das Prinzip: Wer das KI-Tool bekommt, muss das Training machen.
Darüber hinaus: Rollenspezifische Trainings (KI im HR, KI im Finanzwesen), eine umfangreiche Daten- und KI-Akademie und etablierte Formate wie monatliche „What's New Sessions" und ein Newsletter, der niedrigschwellig neue Möglichkeiten vermittelt.
Die Nutzungslogik: Breiter Zugang, aber mit Automatismus – wer 45 Tage nicht nutzt, verliert den Zugang. Wer ihn wieder will, holt ihn sich zurück. Das schafft eine natürliche Selektion und hält die Kosten im Griff.
Warum Breitensport zuerst: Marcus sagt bewusst Breitensport, weil ohne Breitensport kein Spitzensport entsteht. Die breite Nutzung schafft Vertrauen, baut Angst ab und bildet die Basis, aus der die anspruchsvolleren Value Cases wachsen.
Multiplikatoren und AI Champions
BASF setzt auf vier Zielgruppen im Enablement:
- Führungskräfte – die wichtigste Zielgruppe, weil Vorleben die stärkste Wirkkraft hat
- AI Champions – über 1.000 nominierte Multiplikatoren aus allen Bereichen und Funktionen, die „Nano-Agents" für ihre Teams bauen (z.B. Job-Description-Generator in HR, Presseartikel-Vorlagen in Communications)
- Die breite Masse – zunehmend indirekt über Führungskräfte und Champions erreicht
- Die Daten- und KI-Akademie – ursprünglich für Data Scientists, jetzt erweitert auf synergetische Plattformen, Compliance by Design und Storytelling
Die Community lebt: Die AI-Tool-Community auf Viva Engage hat mehr Traffic als viele andere Konzern-Communities. Alle Mitarbeitenden werden automatisch hinzugefügt, wenn sie das Tooling bekommen. Dazu kommen Train-the-Trainer-Programme und dezentrale Sub-Communities in den Unternehmensbereichen.
Erfolgsmessung: Von Regular Use zu Power Use
BASF misst mit einfachen, aber aussagekräftigen KPIs:
- Regular Use: Kontinuierliche Nutzung über einen 12-Wochen-Zeitraum – nicht einmaliges Experimentieren, sondern KI als Habitus
- Power Use: Die nächste Stufe – höhere Intensität und Frequenz, das Ziel für 2026
Im Verlauf des letzten Jahres stieg die kontinuierliche Nutzung von 20-30% auf deutlich höhere Werte. Marcus ist Fan von einfachen KPIs: „Die Intensität im Habitus im Regelmäßigen muss sich erhöhen. Das ist der beste Indikator."
Säule 2: Spitzensport – Von 500 Ideen zu 60 Value Cases
Spitzensport heißt bei BASF: gezielter Wertbeitrag zur Profitabilität. Interne Kosten rausnehmen, externe Kosten rausnehmen oder Umsatz steigern.
Die Methodik: BASF hat alle Domänen (Finance, HR, Procurement, Operations, Forschung) systematisch durchleuchtet:
- 500+ initiale Ideen gesammelt (Inside-Out und Outside-In)
- Job-Task-Analysen durchgeführt: Welche Jobs gibt es? Welche Tasks haben diese Jobs? Welche können mit KI augmentiert werden?
- High-Level-Prozessbilder erstellt und Potenziale gemappt
- Priorisiert nach: Wo ist das größte Potenzial? Wo haben wir die besten Voraussetzungen? Ist die Technologie reif?
Das Ergebnis: 60 fokussierte Value Cases – „genug, um Impact zu erzielen, aber nicht zu viel, um sich zu verzetteln."
Konkrete Spitzensport-Cases:
- PlantGPT – Wissensmanagement in der Produktion. Statt in Ordnern zu suchen, stellen Mitarbeitende Fragen in natürlicher Sprache zu Anlagenbetrieb und Sicherheit
- Fox – Finance & Controlling Assistant, täglich von tausenden Mitarbeitenden genutzt. Ersetzt vorprogrammierte Dashboards durch natürlichsprachliche Datenabfragen
- SIA – IT-Support-Assistent, der Service-Desk-Calls vermeidet: Win-Win durch Kostenersparnis und schnellere Hilfe
Alle drei folgen dem gleichen Muster: Start mit Wissensmanagement, dann schrittweise Weiterentwicklung zu agentischen Fähigkeiten und tieferer Systemintegration.
Skalierung durch Opt-in-Voting
Ein bemerkenswerter Ansatz: BASF hat 80 Business Units in unterschiedlichsten Industrien. Statt Top-down zu mandatieren, nutzt Marcus ein Opt-in-Voting-System. Jeder Value Case gilt per Default als relevant für alle Einheiten. Jede Einheit kann aber rausgehen – mit Begründung.
Die Kernfrage:
„Bevor wir entschieden haben, dass es skaliert wird, haben wir gefragt: Soll es skaliert werden?"
Das klingt trivial, ist aber in der Praxis entscheidend – weil es Ownership schafft und die organisatorische Frage klärt, bevor die technische Skalierung beginnt.
Führungskräfte als Transformations-Owner
Für Marcus sind Führungskräfte die wichtigste Zielgruppe im gesamten KI-Programm. BASF trainiert sie auf drei Stufen:
- KI-Nutzer: Die eigene Arbeit mit KI bereichern und weiterentwickeln
- Enabler: Dem eigenen Team Raum und Fähigkeiten geben, KI einzusetzen – am besten durch Vorleben
- Transformations-Owner: Eigner der eigenen Transformation mit KI sein
Die zentrale Botschaft: KI-Beurteilungskompetenz – also die Überlappung zwischen „Was kann KI?" und „Was braucht mein Geschäft?" – kann nicht mehr an die Digitalisierungseinheit delegiert werden. Jede Führungskraft muss sie selbst aufbauen.
Zum Narrativ „Führungskräfte führen bald Teams aus Menschen und Agenten" ist Marcus differenziert: Observability von Agenten wird zur Aufgabenbeschreibung gehören, aber Mitarbeiterführung und Agentenführung sind zwei verschiedene Dinge, die nicht in einen Topf geworfen werden sollten.
Säule 3: Am Ball bleiben – Governance, Talent, nächste Welle
Die dritte Säule sichert die Zukunftsfähigkeit:
- Governance und Compliance: Ein Rahmenwerk, das von Anfang an mitgedacht wird
- Synergetische Entwicklungsplattform: Damit nicht jeder Value Case isoliert mit unterschiedlichen Modellen ohne Kostenkontrolle arbeitet
- Technologie-Monitoring: Was kommt als nächstes? Von generativer KI (der „Ersteller und Researcher") über agentische KI (der „Worker") bis hin zu Physical AI
- Talent-Aufbau: Inklusive neuer dualer Studiengänge mit KI-Fokus
Marcus nutzt ein einfaches Modell: Prädiktive KI → Generative KI → Agentische KI → Physical AI. Das Portfolio verschiebt sich zunehmend Richtung agentisch, weil dort das Wertversprechen höher ist.
Prozesstransformation: KI nicht oben drauf, sondern mit rein
Ein zentrales Learning: Der echte Wert entsteht selten, wenn KI auf bestehende Prozesse draufgesetzt wird. Die wahren Needlemover kommen, wenn Prozesse mit KI von Grund auf neu gedacht werden.
Das Dashboard-Beispiel macht es greifbar: In der alten Welt wurden hunderte Dashboards vorprogrammiert. Heute stellt ein Controller die Frage in natürlicher Sprache, KI übersetzt in SQL und liefert die Antwort in Echtzeit. Nicht KI beantwortet die Frage – KI hilft bei der Übersetzung. Aber die Flexibilität ist radikal größer.
Marcus' Rat:
Wenn du eh schon veränderst, dann pack KI nicht oben drauf – sondern mit rein, weil es ein Beschleuniger ist, Dinge anders zu denken.
Ausblick: Optimistisch, aber realistisch
Marcus blickt optimistisch in die Zukunft – die technologische Reife gibt schon jetzt mehr her, als die meisten Unternehmen ausschöpfen. Aber er warnt vor überzogenen Erwartungen: Nur weil es selbstfahrende Autos gibt, stehen Ende 2026 nicht überall humanoide Roboter in Fabriken – schon gar nicht in der Prozessindustrie mit gefährlichen Substanzen.
Sein Prinzip für die Reise: Speed over Perfection. „Das Schwierigste, was wir hätten machen können, ist zwei Jahre zu warten. Entscheidungen treffen ist besser, als den Hang zur Perfektion zu haben."
Kernaussagen
- Speed over Perfection — „Das Schwierigste, was wir hätten machen können, ist zwei Jahre zu warten.“
- Opt-in vor Skalierung — „Bevor wir entschieden haben, dass es skaliert wird, haben wir gefragt: Soll es skaliert werden?“
- Beurteilungskompetenz als Chefsache — „Diese Beurteilungskompetenz kann ich nicht mehr delegieren — dafür wird KI die Arbeit zu fundamental verändern.“
- KI mit reindenken — „Pack KI nicht oben drauf, sondern mit rein — es ist ein Beschleuniger, Dinge anders zu denken.“
- Fokus als Erfolgsfaktor — „Viele Dinge scheitern in Konzernstrukturen nicht an der Technologie, sondern an der Frage: Ist das wirklich unser Fokus?“
Fazit und Takeaways
Für Unternehmen, die ein KI-Programm aufsetzen wollen:
- Breit UND schnell gleichzeitig: Nicht mit einer Einheit anfangen, sondern bewusst in die Breite gehen – aber parallel schnelle Erfolge und Champions aufbauen, die als Vorbilder wirken
- Virtuelle Strukturen statt Parallelorganisation: KI nicht in einer neuen Abteilung isolieren, sondern virtuell in bestehende Strukturen eingreifen – das schafft Geschwindigkeit und vermeidet Konkurrenz
- Einfache KPIs: Regular Use und Power Use sind aussagekräftiger als komplexe Metriken. Nutzung ist die Grundlage – ohne Nutzung kein Wert
- Opt-in statt Top-down: Ownership entsteht durch Entscheidungsfreiheit, nicht durch Mandate
Für Führungskräfte:
- Beurteilungskompetenz aufbauen: Die Frage „Was kann KI?" im Überlapp mit „Was braucht mein Geschäft?" ist nicht mehr delegierbar
- Drei Stufen durchlaufen: Erst selbst nutzen, dann das Team enablen, dann die Transformation ownen
- KI als Teil der Lösung sehen: Nicht als zusätzliche Priorität, sondern als Enabler für bestehende Herausforderungen
- Alle drei Monate prüfen: Welche meiner Tätigkeiten kann ich mit den neuesten Möglichkeiten besser mit KI abbilden?
Strategische Einsichten:
- Speed over Perfection: In einem dynamischen Umfeld ist Loslegen mit einer Grundstruktur besser als zwei Jahre auf die perfekte Lösung zu warten
- KI von Anfang an mitdenken: Der größte Hebel entsteht nicht durch KI-Augmentation bestehender Prozesse, sondern durch Prozesstransformation mit KI als Beschleuniger
- Skalierung ist eine organisatorische Frage: Nicht die Technologie ist das Bottleneck, sondern Fokus, Ownership und Commitment der Stakeholder
- Breitensport schafft Spitzensport: Ohne breite KI-Kompetenz und Vertrauen gibt es keine Basis für transformative Value Cases
Die zentrale Botschaft: KI-Transformation im Konzern funktioniert nicht durch Delegation an die IT, sondern durch Ownership auf allen Ebenen – vom Breitensport für alle bis zum Spitzensport mit messbarem EBIT-Beitrag. BASF zeigt, dass auch ein 110.000-Mitarbeitenden-Konzern mit der Geschwindigkeit des KI-Markts Schritt halten kann – wenn man die richtige Balance zwischen Breite und Tiefe findet.
Zum Gast: Marcus Pospiech



